100 Jahre DAAD – Unsere Alumna Dr. Rüland erzählt
Dr. Dorothea Rüland blickte am 1. Dezember in den Räumen der Fernuni Hagen, Campus RheinMain, unserem Gastgeber, beim Treffen des Freiburger Alumniclubs Hessen/Rheinland-Pfalz für das IV. Quartal des Jahres auf die hundertjährige Erfolgsgeschichte des DAAD zurück.
Unsere Alumna, Jahrgang 1955, absolvierte von 1974 bis 1978 ein Doppelstudium der Geschichte, Germanistik und Musikwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und promovierte 1984 ebenda mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes über das Thema „Künstler und Gesellschaft zu den Libretti des jungen Richard Wagner beim in Freiburg geradezu legendären Prof. Gerhard Kaiser mit der Note magna cum laude. Nach langjährigen Auslandsaufenthalten und Dozenturen v.a. in Asien war sie von 2004 bis 2008 Stellvertretende Generalsekretärin des DAAD und zugleich Leiterin der Grundsatzabteilung, und im Anschluss, von 2010 bis 2021 Generalsekretärin, zusammen also 15 Jahre in leitender Position ebenda.
Rüland war zeitweise auch Themenpatin der Themengruppe „Internationalisierung & Marketingstrategien“ beim 2014 vom Centrum für Hochschulentwicklung, Hochschulrektorenkonferenz und Stifterverband initiierten Hochschulforum Digitalisierung.
Last not least: Unsere Freiburger Alumna war – neben all ihren sonstigen, eigentlich mehr als ausreichenden Verpflichtungen – viele Jahre (bis 2021) eine sehr engagierte, Stellvertretende Vorsitzende unseres (weltweiten) Alumnivereins. Seit 2020 ist sie Ehrensenatorin unserer Alma Mater.
Die Entwicklung des DAAD ist ein eindrucksvolles Beispiel für die nachhaltige Wirkung internationaler Zusammenarbeit im Wissenschaftsbereich – auch wenn die Organisation in ihrer Geschichte immer wieder vor großen Herausforderungen stand. Bereits acht Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1925 geriet der DAAD durch politische Umbrüche in existenzielle Gefahr; viele seiner Gründer, die sich nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs für internationale Verständigung engagierten, mussten ins Exil gehen. Nach der erzwungenen Gleichschaltung und anschließenden Auflösung während der NS-Zeit wurde der DAAD 1950 in Bonn neu gegründet und konnte seither seine Arbeit kontinuierlich ausbauen.
Der Grundgedanke eines internationalen akademischen Austauschs hat sich als unschlagbar erwiesen: Der DAAD fördert nicht nur das gegenseitige Kennenlernen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt, sondern ist auch ein Motor für Innovation und wissenschaftlichen Fortschritt. Durch den Austausch unterschiedlicher Denkschulen, Perspektiven und akademischer Prägungen entstehen neue Ideen – beflügelt durch Kooperation wie auch durch produktiven Wettbewerb international führender Köpfe. Zahlreiche Nobelpreisträgerinnen und -träger wie Günter Blobel, Gao Xingjian oder Herta Müller waren Stipendiatinnen und Stipendiaten des DAAD – ein Beleg für dessen nachhaltigen Einfluss auf Spitzenforschung.
Auch ökonomisch ist der Beitrag des DAAD herausragend: Studien zeigen, dass jeder investierte Euro bis zu das Achtfache an volkswirtschaftlichem Wert generiert. Im Gegensatz zu anderen Austauschdiensten setzt der DAAD auf eine ausgewogene Balance zwischen Aufnahme internationaler Talente und Entsendung deutscher Forschender ins Ausland. Damit trägt er maßgeblich dazu bei, Deutschland als attraktiven Standort für hochqualifizierte Expertinnen und Experten weltweit zu positionieren – von Studierenden bis hin zu Professorinnen und Professoren. Viele Geförderte bleiben nach ihrem Abschluss in Deutschland, bereichern als Fachkräfte den Arbeitsmarkt und tragen langfristig zum Wohlstand unseres Landes bei; andere kehren mit wertvollen Kontakten zurück in ihre Heimatländer und stärken so die internationalen Beziehungen Deutschlands.
Natürlich bringt akademischer Austausch neben zahlreichen Vorteilen auch Herausforderungen mit sich: So kann es beispielsweise zur Abwanderung besonders talentierter Personen („Brain Drain“) kommen oder politische Spannungen können internationale Kooperationen erschweren. Gleichzeitig entstehen aber gerade durch diese Mobilität vielfältige Chancen: Wissenstransfer wird beschleunigt, interkulturelle Kompetenzen werden gestärkt, Innovationspotenziale entfalten sich über nationale Grenzen hinweg – Effekte, die angesichts globaler Herausforderungen wie Digitalisierung oder Klimawandel unverzichtbar sind.
In jüngerer Zeit sind Tendenzen einer Re-Nationalisierung zu beobachten; insbesondere Länder wie die USA haben ihre Offenheit gegenüber internationalen Studierenden reduziert, während zugleich eine wachsende Skepsis gegenüber Kooperationen mit China festzustellen ist. Die Referentin teilt diese Skepsis nicht. Es gibt zahlreiche Gegenbewegungen: Kanada etwa sucht gezielt stärkere Nähe zur EU; viele Staaten des globalen Südens orientieren sich verstärkt an Europa – hiervon profitiert insbesondere Deutschland spürbar. Trotz politischer Rhetorik bleibt die Nachfrage nach internationalem Austausch hoch: Top-Wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler verhandeln weiterhin erfolgreich mit amerikanischen Universitäten um attraktive Positionen; gleichzeitig wächst das Interesse junger Forscherinnen und Forscher aus einer immer größeren Bandbreite von Ländern an einem Studium oder Forschungsaufenthalt in Deutschland stetig an.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor hierfür ist die globale Anschlussfähigkeit westlicher Bildungssysteme – ein Trend, den der DAAD aktiv unterstützt und gestaltet. Angesichts des demografischen Wandels sowie zunehmender Engpässe bei spezialisierten Fachkräften gewinnt diese Aufgabe weiter an Bedeutung: Der akademische Austausch leistet einen zentralen Beitrag zur Sicherung von Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland.
Fazit: Internationaler akademischer Austausch birgt enorme Chancen; positive Effekte auf Innovation, Wohlstand sowie internationale Verständigung. Einrichtungen wie der DAAD, die wohl größte akademische Austauschorganisation weltweit und unsere Alma Mater dürfen unseres Erachtens getrost als Schlüsselakteure dieses Erfolgsmodells „Bildungsnation Deutschland“ betrachtet werden.
Text: Andreas Heuberger
